Das Logo des Schauspielers ist sein Gesicht

Warum ein gut ausgewähltes Profilfoto so wichtig ist. 

Manche Markenlogos erkennen wir bereits von Weitem, an den Proportionen, den Farben oder der Typographie, selbst wenn wir den Schriftzug nicht lesen können.
Kein Wunder, dass Unternehmen viel Geld und Expertise in die Entwicklung und Etablierung eines solchen Logos stecken. Denn wer so fest im Kopf des potentiellen Kunden verankert ist, kann kaum in Vergessenheit geraten.

„Das ‚Unternehmen Schauspieler’ braucht gar kein Logo zu entwickeln, denn es hat bereits das beste Logo der Welt: ein Gesicht.“, schreibt Casting Director Clemens Erbach und verweist darauf, wie wichtig es für SchauspielerInnen sein kann, dass die CasterInnen Namen und Gesicht gleich miteinander in Bezug setzen können, selbst wenn sie einmal nur mit einem von beidem konfrontiert sind.
„Langfristig sollte ja das Ziel sein, dass der [Caster] irgendwann das Bild mit einem Namen assoziiert und auch andersrum […]. Dann wäre ein großer Schritt zum Aufbau der ‚Marke Schauspieler’ erreicht.“, so Erbach.

Der nächste Schritt, ist dann ein Leichtes. Denn wer sich einmal Name und Gesicht von jemandem gemerkt hat, dem fällt es auch nicht mehr schwer, der Schublade im Kopf weitere Details hinzu zu fügen:
In welchen Rollen hat mir die Schauspielerin zuletzt gut gefallen? Hatten wir vielleicht einmal ein nettes Gespräch auf einer Veranstaltung? Auch andere Geschichten werden leichter abgespeichert: Eine Regisseurin erzählt von der ganz besonders guten Zusammenarbeit mit einem Schauspieler, der Caster sieht das Gesicht einer Schauspielerin auf dem Plakat eines Kinofilms, den er überlegt anzuschauen oder er liest im Theaterprogramm einen Namen.

Aber warum ist es so wichtig, dem Caster Namen und Gesicht einzuprägen, wenn doch ohnehin die meisten Rollen über Suchabfragen in der Datenbank besetzt werden, anstatt durch spontane Einfälle des Casters?

Ganz einfach: Weil die Konkurrenz riesig ist und es fast immer eine große Anzahl SchauspielerInnen gibt, die für eine Rolle in Frage kommen.

Damit dem Caster niemand durch die Lappen geht, verlässt er sich in der Regel nicht auf intuitive Einfälle, sondern gibt alle relevanten Suchkriterien für die zu besetzende Rolle in die Suchmaske ein und schaut schließlich alle passenden Profile durch. Das können hunderte, aber auch tausende sein. Und je nach Produktion und Rolle muss der Caster nun hieraus die fünf, zehn oder fünfzehn seiner Meinung nach besten und passendsten SchauspielerInnen auswählen, um sie seinen Auftraggebern vorzuschlagen.
Dabei können im ersten Schritt gar nicht immer alle Details berücksichtigt werden, weshalb viele CasterInnen zunächst die Übersicht durchgehen, in welcher alle auf die Suche passenden SchauspielerInnen mit klein dargestelltem Profilfoto aufgeführt werden.
Nachdem die Datenbank also anhand von Suchkriterien alle theoretisch passenden SchauspielerInnen ausgespuckt hat, ist die nächste Entscheidungsgrundlage dafür, ob ein Caster sich ein Schauspielerprofil genauer anschaut und die Vita oder auch das Showreel in Augenschein nimmt, das Profilfoto.
Schließlich hat sich der Caster beim Lesen des Drehbuchs bereits ein Bild von der Rolle gemacht, das nun in seinem Kopf herum spukt. Manchmal gibt es hierfür auch Vorgaben von der Produktion oder der Regie.

Ein Beispiel:
Im zu besetzenden Film geht es um einen liebevollen Familienvater, nennen wir ihn KNUT, der Amok läuft.
Im Drehbuch selbst sind bereits erste Indizien zu finden, anhand derer der Caster die Suchparameter in der Datenbank setzen kann. So muss er männlich sein und ein bestimmtes Alter haben. Die Produktion setzt außerdem aus Kostengründen fest, dass der Schauspieler aus dem Drehort Berlin stammen muss. Sofern noch andere Kriterien wichtig sind, beispielsweise Fähigkeiten, die nicht kurzfristig erlernt werden können, hat der Caster die Möglichkeit auch diese in die Suchmaske mit aufzunehmen.
Je nachdem, wie die Rolle im Buch angelegt ist, welche Motive Knut antreiben und wie er sich verhält, etabliert sich im Kopf aller Entscheider (Caster, Regie, Produktion, Redaktion…) aber bereits ein differenzierteres Bild, das über die Eckdatenerfassung einer Suchmaschine hinaus geht.
Ist Knut zum Beispiel ein penibler, strenger Mann, der in einer Versicherung gearbeitet hat, bis ihn ein unerwartetes Ereignis aus der Bahn wirft und ihn zum Mörder werden lässt? – In diesem Fall hätte der Caster vielleicht eher einen verhärmten, blassen Mann im Kopf.
Wäre Knut hingegen ein muskulöser Sportlehrer, der viele Affären hat und ausrastet, als eine seiner Geliebten ihm droht, seiner Frau alles zu erzählen und damit seine Familie zu zerstören, würde man sich vielleicht eher einen sportlichen, großen Mann vorstellen, attraktiv und mit charmanter Ausstrahlung, um die Frauengeschichten glaubhaft zu machen.
Natürlich könnte man auch ‚gegen den Strich’ besetzen, also einen Schauspieler wählen, der auf den ersten Blick gar nicht zur Rolle passt, um die Figur vielschichtiger und interessanter zu gestalten. Auch in diesem Fall wissen die Entscheider, wonach sie Ausschau halten, nämlich nach einem Schauspieler, welcher der Klischeevorstellung eben nicht entspricht und ggf. etwas besonderes hat.

Da es für fast jeden Rollentyp unheimlich viele passende SchauspielerInnen gibt, ist es somit häufig das Profilfoto, das darüber entscheidet, ob der Caster sich eingehender mit dem Profil des Schauspielers beschäftigt. Natürlich ist es dabei ein Vorteil, wenn der Caster mit dem ersten Blick auf das Foto sofort etwas verbinden kann.

Warum?
Gehen wir von Szenario A aus unserem Beispiel aus:

KNUT soll zu Beginn der Geschichte ein braver, blasser Finanzbeamter sein, Schauspieler X ist im wahren Leben aber ein attraktiver, sportlicher Typ und präsentiert sich auch so auf seinem Profilfoto – passt also erst mal nicht. Aber weil der Caster Namen und Gesicht erkennt und diese mit anderen Informationen verknüpfen kann, weiß er, schon bevor er einen Blick auf die CV geworfen hat, dass X schon einmal einen staubtrockenen Finanzbeamten gespielt hat und zwar sehr gut. Schon ist der Caster auf dem Profil, um seine Annahme, dass X vielleicht doch zur Rolle passen könnte, zu überprüfen. Das wäre vielleicht nicht passiert, hätte es die Assoziationskette des Schauspieler-Gesichts und des Namens zu den darüber hinaus im Casterkopf gespeicherten Informationen nicht gegeben.

Und wie erreiche ich es nun als SchauspielerIn, dass der Caster sich meinen Namen und mein Logo – also mein Gesicht – merkt und in Einklang bringt?
Clemens Erbach empfiehlt zum Beispiel, das für Werbemittel (z. B. in der Signatur der eigenen Mail) verwendete Foto mit dem Profilfoto bei filmmakers abzugleichen. Sehe ich das gleiche Bild mehrmals, etwa zunächst in der Mailkommunikation mit einer Schauspielerin oder auf einer Visitenkarte, so ist die Chance, das ich es später in der langen Suchliste wiedererkenne und daran hängen bleibe, weil sich eine Assoziation ergibt, deutlich größer, als wenn verschiedene Bilder verwendet wurden.

Andererseits macht es Sinn, das Profilfoto regelmäßig zu tauschen (und entsprechend dann auch in der Mailsignatur oder auf der Website zu ändern). Der Caster lernt dadurch den Schauspieler besser kennen und erkennen. Außerdem lässt ein neues Profilfoto vermuten, dass es auch andere Neuerungen im Schauspielereintrag gibt, was interessierte CasterInnen zusätzlich auf die Seite locken könnte.

Unabhängig von Assoziationsketten ist es schlussendlich am Wichtigsten, dass es sich beim Profilfoto um ein ausreichend großes Portrait handelt, auf dem der Caster das Gesicht des Schauspielers schnell und auf den ersten Blick erkennen und einschätzen kann.
Bilder mit künstlerischem Anspruch in ausgefallenen Posen, in schwarzweiß oder im Schatten können immer noch an anderer Stelle im Eintrag gezeigt werden.

Das Profilfoto hingegen sollte in jedem Fall klar und deutlich, professionell und einladend wirken und den natürlichen Typ des Schauspielers unterstreichen, so wie es auch ein Markenlogo versucht.
Denn zuallererst ist es wichtig, dass der Caster sich für das Profil interessiert.
Selbst Kleinigkeiten wie ein farbenfrohes Kleidungsstück oder ein interessanter Kontrast zum Hintergrund können dazu führen, dass das Profilfoto potentielle Kunden, im Fall des ‚Unternehmens Schauspieler’ wäre das natürlich der Caster, genauer hinschauen, selbst wenn man als ‚Marke’ noch nicht in aller Munde ist.
Schließlich gab es auch mal eine Zeit, in der das Wort ‚Tempo’ lediglich eine Geschwindigkeit beschrieb.