Interview mit Künstlerberaterin Alina Gause

Alina Gause ist Diplompsychologin, Autorin, Sängerin und Schauspielerin.
Ihre Expertise nutzt sie, um KünstlerInnen zu beraten, zum Beispiel als Dozentin am iSFF. 

Für unseren aktuellen Artikel, der sich – anlässlich der Berlinale – mit Networking auf Branchenveranstaltungen auseinandersetzt, hat sie uns einige Fragen beantwortet. Die Antworten darauf sind so informativ, dass wir uns nicht mit ein paar Zitaten begnügen wollen und das gesamte Interview für interessierte LeserInnen im folgenden veröffentlichen: 

Frau Gause, wie sinnvoll sind Ihrer Meinung nach Branchenevents z. B. im Rahmen von Festivals wie der Berlinale,  um als SchauspielerIn Kontakte zu CasterInnen, RegisseurInnen etc. zu knüpfen?

Wenn man sie gut für sich nutzen kann – unbedingt sinnvoll. Wenn nicht – ggfs. sogar schädlich. Dazu möchte ich erläutern, durch welche Brille ich auf die Business-Aspekte des Künstlerberufes schaue: Es gibt die Privatperson – den Vegetarier, die Katzenliebhaberin, den Bruder, die Nachbarin im Künstler. Dann gibt es die kreative Person – die spielende, erfindende, sich ausdrückende. Und schließlich die „dritte Person“, die alles bewältigen muss, was nicht eindeutig privat oder kreativ ist wie z.B. Akquise, Organisation und PR. Im besten Fall ist die „dritte Person“ der perfekte Manager, der alle drei Persönlichkeitsanteile fördert im Hinblick auf eine nachhaltige Karriere. Leider ist sie aber viel häufiger das ungeliebte schwarze Schaf des Trios, das gemieden und vernachlässigt wird. Die „dritte Person“ ist aber wie die beiden anderen ein unverzichtbarer Teil jeder Künstlerkarriere, da Arbeitgeber nur über sie kommunizieren. Also sollte man sie als Unterstützerin ins Boot holen und mit einer klaren Haltung und konkreten Aufgaben ausstatten. In dem Workshop beim ISFF erarbeiten wir das, was übrigens überaus amüsant und befreiend ist. Zurück zu Ihrer Frage: Auf einem Branchenevent ist die dritte Person im Einsatz. Je bewusster und konstruktiver sie ihren Job macht, desto sinnvoller kann sie es nutzen. Fühlt sich die „dritte Person“ wohl, bedeutet jeder Branchentreff eine Chance auf die Erweiterung des Netzwerkes um potenzielle neue Arbeitspartner.

Wie schaffe ich es, dass diese Kontakte auch langfristig halten und im Besten Fall auch berufliche Früchte tragen – also das Gespräch nicht gleich nach 5 Minuten wieder vergessen ist? 

Das Zauberwort heißt „Passung“. Finden Sie die Gesprächspartner und Themen, mit denen/für die es gegenseitiges wirkliches Interesse gibt. Nichts ist so wirksam wie ein gesunder egoistischer Antrieb: Gespräche, die uns interessante, nützliche Informationen oder ein gutes Gefühl zu uns selbst vermitteln, merken wir uns, weil wir uns gerne an sie erinnern und bei Gelegenheit auf sie zurückgreifen. Im Nachgang kann dann noch einmal daran angeknüpft werden, indem man links, Informationen oder Anregungen hinterherschickt.

Ist das Verteilen von Visitenkarten noch up to date? 

Na klar – bevor ich im Dunkeln versuche, meine Handynummer auf einen Kassenbon zu kritzeln, gebe ich doch lieber eine nette, lesbare Karte mit allen notwendigen Informationen mit, die dem Kontakt am kommenden Tag wieder in die Hände fällt. Besteht Interesse, wird er oder sie die Daten dann übertragen.

 Wie spreche ich CasterInnen und Co. auf Veranstaltungen am besten an? Wie beginne ich ein Gespräch? 

Da möchte ich mich nochmal auf die „dritte Person“ beziehen: hat man geklärt, was ihr Job und ihre Rolle auf einem solchen Event sind und eine für sich passende und angenehme Haltung dazu entwickelt, kann man auf vermeintlich erfolgreiche Strategien oder gar Floskeln verzichten. Ratschlägen zu folgen, die einem selbst nicht entsprechen, hilft niemandem: wir fühlen uns unwohl in unserer Haut und unser Gegenüber auch, denn Scham ist extrem ansteckend. Wenn man weiß, dass die „dritte Person“ auf legitimer Kontakt- oder Arbeitssuche ist, verhält man sich dementsprechend souverän in seiner Kontaktaufnahme und verirrt sich nicht darin, sich privat zu präsentieren oder die kreative Person auszuleben, was deplatziert wäre. Problematisch für SchauspielerInnen ist ja in der Regel das Gefühl, dass sie mit den anwesenden Arbeitgebern nicht auf Augenhöhe sind. Ich führe ihnen dann vor Augen, wie schnell das Bild sich wenden könnte, wenn man auf den Namensschildern die Berufsbezeichnungen (Schauspieler, Caster, Regisseur,…) tauschen würde: die Menschen wären dieselben, aber die Rollen und damit die Aufgaben vertauscht.

Gibt es No Gos?

In dem Workshop beim ISFF stellen wir typische Situationen solcher Events nach – dabei merkt man schnell, wie unpassend Verhaltensweisen sein können, die Schauspielern gerne empfohlen werden oder die viele selbst für zielführend halten: „Hartnäckig bleiben“, „Überall sein“, „Auf sich aufmerksam machen“, „Auffallen“, „Anders sein, um im Gedächtnis zu bleiben“. Das setzt SchauspielerInnen unter einen furchtbaren Druck. Es ist gar nicht nötig, sich das zuzumuten. Nochmal: auf die Passung kommt es an. Was ein „No Go“ ist, hängt vom Umfeld ab. Finden Sie Ihr Biotop, in das Ihr Verhalten, Ihr Weltbild, Ihre Sicht auf die Kunst passen und es läuft von selbst. Ich wähle gerne das plakative Beispiel eines Hardrockmusikers, der sich auch nicht am Volksmusik-Metier abarbeiten sollte. Da sind Scheitern und Frustration vorprogrammiert.

Danke. 

Beim oben angesprochenen Workshop handelt es sich um: 
“Die dritte Person” – Anbieten ohne Anbiedern
06. – 07. April 2019 beim iSFF.
Wie können Kreative für sich selbst das geeignete Sprachrohr werden? Dies legt Alina Gause in ihrem Workshop anhand von Übungen, Fallbeispielen und dem Austausch im Gespräch dar. Die TeilnehmerInnen des Workshops entwickeln neue Perspektiven und Strategien, wie sie ihr Leben als KünstlerInnen selbstbestimmt und erfüllt gestalten und ein offenes Ohr bei ihrem Gegenüber finden können.
Weitere Informationen zum Workshop

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