Das Showreel: Arbeitswerkzeug vs. Kunstwerk

Warum die Kapitelansicht eines Reels für die Besetzung so wichtig ist

Für die meisten Schauspieler*innen ist ein in Kapitel aufgeteiltes Reel bereits gang und gäbe.
Dennoch tun sich manche noch schwer, sich von ihrem aufwendig zu einem Gesamtfilm zusammen geschnittenen Band zu lösen, das eine eigene Dramaturgie hat und beinahe als eigenständiges Kunstwerk durchgehen könnte. Natürlich ist ein solches Reel schön für den Schauspieler, schließlich präsentiert er darin sein gesamtes künstlerisches Schaffen wie in einem Filmtrailer pointiert und unterhaltsam.
Jedoch: Ist das wirklich der Sinn der Sache?

Zwar wird im deutschsprachigen Raum aktuell wieder mehr gecastet, egal ob live oder im eCasting. Jedoch das Showreel hat nach wie vor eine ganz zentrale Rolle im Besetzungsprozess, um die schauspielerische Leistung, die aktuelle Wirkung im Bewegtbild und um Art und Umfang der Rollen von der Vita beurteilen zu können.

Gerade bei kleineren Rollen wird oft gänzlich auf ein Casting verzichtet und die Entscheidung ausschließlich auf Grundlage des Showreels getroffen.
Selbst wenn der Casting-Director den Schauspieler bereits einschätzen kann, müssen in der Regel auch alle anderen Entscheider (Produktion, Redaktion und/oder Verleih, Regie…) davon überzeugt werden, dass es sich bei dem Vorschlag um die richtige Wahl für die Rolle handelt. Damit ist das Reel, neben Fotos und Vita, ein ganz zentrales Element der Schauspielerpräsentation.

Aber warum reicht es nicht, wenn das Demoband ein unterhaltsamer Trailer ist?
Haben Caster*innen wirklich keine 5 Minuten Zeit, um sich ein solches Band anzuschauen?
Die Zeit ist hierbei nur ein Faktor von mehreren, kann aber natürlich eine Rolle spielen.
Denn Caster*innen schauen sich oft viele hundert Schauspielerprofile an und zwar jeden Tag. Für jede Rolle eines Drehbuchs – vom Hauptcast bist zur kleinen Tagesrolle – macht der Caster den übrigen Entscheidern im Schnitt 10 – 15 Vorschläge (je nach Wunsch und Vorgabe der Produktion). Er sucht dabei aus allen, von den Eckdaten wie Geschlecht, Spielalter oder sonstigen relevanten Suchkriterien passenden Schauspieler*innen diejenigen heraus, die nach seiner fachlichen Meinung am besten zu der Rolle passen könnten.

Nachdem in der Datenbank häufig zunächst nach den relevantesten Eigenschaften und ggf. Fähigkeiten gefiltert wurde, ist der Look (der anhand der Fotos beurteilt werden kann), meist das nächste wichtige Kriterium. Auch die Vita spielt oft eine Rolle, denn sie gibt Hinweise darauf, ob ein Schauspieler z. B. bereits genug Erfahrungen gesammelt hat, um eine Hauptrolle stemmen zu können oder aber umgekehrt, vielleicht schon zu erfahren ist, um noch für eine kleine Nebenrolle in Frage zu kommen. Auch auf die voraussichtliche Gagenspanne gibt die Vita einen Hinweis, schließlich muss der Caster sich für jede Rolle an ein Budget halten.

Sind alle diese Kriterien passend, zeigt das Showreel schließlich, ob der Schauspieler auch im Bewegtbild dem im Foto angekündigten Look entspricht, ob seine Gesamtwirkung aus Look, Stimme und Habitus der gewünschten Wirkung der zu besetzenden Rolle und der Attitüde, die der Caster sich vorgestellt hat, entgegen kommt.
Auch die Qualität des Spiels kann beurteilt werden, sofern sie dem Caster nicht ohnehin schon bekannt ist.

Würde man einen Film mit 3 Rollen besetzen und pro Rolle nur 100 Schauspieler*innen zur Auswahl haben, könnte man sich sicher die Zeit nehmen, 300 x 5 Minuten anzuschauen. Nicht selten passen aber 1.000 Schauspieler*innen auf eine Rolle und die meisten Projekte haben natürlich mehr als 3 Rollen zu besetzen.

Um eine Vorauswahl für die übrigen Entscheider zu treffen, damit diese sich pro Rolle  eben nur die 10 oder 20 in allen Belangen passendsten Schauspieler*innen anschauen müssen, wird der Caster meist versuchen, möglichst alle in Frage kommenden Schauspieler*innen unter die Lupe zu nehmen.

Dabei ist es wichtig, schnell und effizient erkennen zu können, ob der Schauspieler dem entspricht, was gesucht wird.
Muss die Rolle z. B. hart und brutal rüber kommen, ist es für den Caster perfekt, wenn der Schauspieler diese Facette bereits in seinem Reel bedient und damit beweist, dass er dieser Anforderung gerecht wird. Auch wenn Schauspieler*innen natürlich jede Art von Rolle spielen können sollten, gibt es, was Typ und Wirkung angeht, dennoch Unterschiede, selbst dann, wenn man außerhalb von Stereotypen denkt.
Beginnt das Reel in unserem Beispiel mit einer lustigen Szene, in einem späteren Kapitel lässt das Vorschaubild jedoch auf eine harte Rolle schließen, kann der Caster mit der Kapitelübersicht schnell und ohne langes Rumgeklicke, auf die entsprechende Szene zugreifen. Bei einem Gesamtreel gibt es weder den entsprechenden Hinweis auf eine spätere, passendere Szene, noch ist es all zu leicht, diese beim „vorspulen“ genau zu erwischen.

Auch bei der Präsentation später, in welcher der Caster den anderen Entscheidern seine Auswahl vorstellt und gemeinsam die Favoriten festgelegt werden, macht es Sinn, wenn schnell und einfach auf die entsprechende, passende Szene verwiesen werden kann, ohne komplizierte Suche mittels Timecodes.

Für die Besetzung ist das Showreel somit in erster Linie ein Arbeitswerkzeug.
Ein sehr wichtiges Arbeitswerkzeug sogar, das effizient, aussagekräftig und aktuell sein sollte. Dass sich diese Eigenschaften zumeist nicht mit einem künstlerischen Anspruch verbinden lassen, liegt auf der Hand.

Hinzu kommen praktische Aspekte für den Schauspieler selbst.
Denn soll das Reel aktualisiert werden, muss ein Gesamtband aufwendig auseinander geschnitten und neu arrangiert werden, während die Kapitelaufteilung  es erlaubt, jederzeit mit wenigen Klicks Szenen zu entfernen, neue Szenen an beliebiger Position zu ergänzen oder die Reihenfolge zu ändern.
Auch eine Verknüpfung der Vita oder gar von Fähigkeiten zur entsprechenden Szene im Reel ist mit einem – in Kaptitel aufgeteilten – filmmakers Showreel problemlos möglich.

Wer sich dennoch nicht von seinem Kunstwerk „Reel“ trennen möchte, sollte zumindest beides anbieten: Des Gesamtreel zum Selbstzweck und die Kapitelaufteilung für die Besetzungsarbeit.

 

Ein Gedanke zu „Das Showreel: Arbeitswerkzeug vs. Kunstwerk“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.